Kategorie: Unterricht

  • Kopfnicken im Klassenzimmer – wie KI unser kreatives Potenzial entfesselt

    Kopfnicken im Klassenzimmer – wie KI unser kreatives Potenzial entfesselt

    „Erstelle einen motivierenden Rapsong für Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe mit punchigen Beats und coolen Reimen, passend zum Geografieunterricht. Verwende typische Themen und Fachbegriffe aus dem Lehrplan für die bayerische Realschule.“

    Vor knapp zwei Jahren experimentierte ich erstmals mit einer Musik-KI. Heraus kam schließlich ein Song mit dem Titel „Geografie Meisterklasse“.

    Er war bei Weitem nicht perfekt. Einige Zeilen waren holprig, manche Reime verschluckt und die meisten davon blieben deutlich zu platt. Die Qualität ließ damals eben noch erheblich zu wünschen übrig, zumal das kostenlose Modell keine Möglichkeit zur nachträglichen Bearbeitung vorsah. Aber einiges daran funktionierte bereits! Der automatisch generierte Titel hatte mir auf Anhieb gefallen. Da waren eingängige Beats, markiger Sprechgesang, ansatzweise auch Fachbegriffe und ein Tonfall, der Aufmerksamkeit erregt. Geografie als Ansage:

    „Atlas in der Hand, bin der Kartenkommandant […]
    Wüsten in der Ferne, Meere grenzenlos,
    Kontinente so mächtig – Wissen riesengroß […]“

    Geografie-Meisterklasse – der 1. Versuch

    Zu diesem Zeitpunkt war ein eigener KI-Song eine echte Neuerung im Klassenzimmer – ein Umstand, der zunächst leicht über die vorhandenen Schwächen hinwegtrug. So lief dieser Song bzw. liefen auch neuere Versionen (s.u.) bald regelmäßig am Anfang meiner Stunden, während ich noch Beamer, Karten, Materialien oder Kabel sortierte und die Schülerinnen und Schüler ihre Unterlagen hervorkramten.

    Neue, andere und bessere Versionen

    Mit der Zeit blieb es natürlich nicht bei diesem einen Song. Es folgten bessere und stärker bearbeitete Versionen, zunehmend auch mit selbst geschriebenen Texten; Versionen, die Schülerwünsche berücksichtigten, Versionen mit weiblicher Stimme (mindestens im Falle von Rapmusik leider auffallend schlechter durch die KI umgesetzt), andere Musikgenres etc.

    Hörprobe_Dr.Z_feat._AI_Geografie-Meisterklasse_V3_weibliche Stimme (vollst. Downloads unter Material)
    Hörprobe_Dr.Z_feat._AI_Geografie-Meisterklasse_V2_Ragga (vollst. Downloads unter Material)

    Zu „Geografie Meisterklasse“ gesellten sich „Deutsch-Meisterklasse“ und „Ethik-Meisterklasse“, passend zu meinen anderen Fächern. Das Meisterklasse-Motiv fand sich nun durchgehend in den Refrains. Die Texte wurden präziser, die Musik stimmiger, die Idee klarer. Im Deutsch-Song tauchten Goethe, Schiller, Grammatik und komplexe Wortspiele auf. Nicht als brav sortierte Lernziele, sondern als fetter Sound und als konkrete Demonstration von Wortmacht:

    „Goethe flüstert mir ins Ohr, Faust in der Hand,
    Schiller sagt: »Sei frei, Bruder, denk wie ein Diamant.« [Anmerkung: kann man Schiller schöner falsch zitieren?]
    Komma regiert, wenn das Partizip tanzt …“

    Und im Refrain:

    „Deutsch Meisterklasse, Satzbau auf der Straße,
    Lyrik in der Tasche, Grammatik in der Phase.
    Vom Imperativ bis zur Konjunktion,
    Sprache ist Macht, hör den Klang der Nation.“

    Hörprobe_Dr.Z_feat._AI_Deutsch-Meisterklasse (vollst. Downloads unter Material)

    Mit dem neuesten Ethik-Song (eher für etwas ältere Schüler*innen) verlor ich mich endgültig für viele Stunden in der mittlerweile gut umsetzbaren Möglichkeit, eigenen Text zunächst separat (durchaus auch in kreativer Kollaboration mit einem Sprachmodell) zu verfassen und diesen erst anschließend mit einer Musik-KI zu vertonen. Spätestens jetzt wurde es ernst:

    Hörprobe_Dr.Z_feat._AI_Ethik-Meisterklasse (vollst. Downloads unter Material)

    Der Effekt im Klassenzimmer war spürbar. Nicht dass die neuen Songs gleich große Lernwunder bewirkt hätten, aber der Raum veränderte sich: Da war ein gemeinsamer Einstieg. Hier und da war dieses Kopfnicken, dieses Grinsen, Mitsingen und eben auch insgesamt ein gewisser „Flow“ im Plenum, bevor es überhaupt richtig losging.

    Diese Verschiebung ist nicht banal. Viele Lehrerinnen und Lehrer pflegen ja aus gutem Grund kleine persönliche Rituale zu Beginn ihres Unterrichts. Ich selbst hatte das zugegebenermaßen nie besonders gut hinbekommen. Nun also ein maßgeschneiderter Rapsong, der buchstäblich den für mich stimmigen Ton setzte!

    Was diese kleinen KI-Artefakte letzlich weitaus besser transportierten als so ziemlich alles andere aus meinem damaligen Repertoire, war eine einfache Botschaft:

    Wissen darf cool sein. Lernen darf Spaß machen (und Unterrichten auch!). Schule, jedes Fach und jeder Schüler kann „meisterklasse“ sein!

    Warum erzähle ich das hier?

    Es gibt ja tatsächlich geniale Lehrer, die rappen können, aber der Punkt, auf den ich hier hinaus will, ist, dass es im konkreten Fall ein KI-Modell war, welches das für mich überhaupt erst ermöglichte.

    Durch die Arbeit an (bzw. mit) den Songs begann ich erstmals zu ahnen, dass KI für uns Lehrkräfte bei Weitem nicht nur bedeutet, Texte schneller zu schreiben, schnelle Unterrichtsentwürfe und Arbeitsblätter (oder, was Schüler betrifft, die Lösung derselben) zu generieren, Zusammenfassungen zu erstellen, Chatbots zu befragen, Schülern individuellere Feedbacks zu geben und vielleicht sogar bald die Korrekturarbeit zu übernehmen. Das ist oder wäre (fast) alles nützlich. Aber vermutlich ist es nicht entscheidend.

    Viel spannender wurde für mich die Frage: Was kann entstehen, wenn KI das kreative Potenzial jeder einzelnen Lehrkraft (im Grunde natürlich auch jedes Schülers und jedes anderen Menschen) durch gänzlich neue Fähigkeiten anspricht, fördert und erweitert?

    Ganz offenkundig boten sich hier unzählige neue Möglichkeiten und Experimente an, die gar nicht zwingend allgemein „für Schule“, für alle Schüler oder für alle Lehrer gedacht sein mussten, sondern die sich zunächst einmal sehr konkret zur jeweiligen Lehrerpersönlichkeit fügen würden – in diesem Fall also ganz speziell zu mir, zu meinem Unterricht, meinen Fächern, meinen Klassen, meiner Art zu arbeiten, zu meinen Bedürfnissen, Defiziten, Fähigkeiten, Interessen, Werten, Vorlieben etc. – und die natürlich auch spontan aus ganz spezifischen Situationen heraus entstehen konnten und sich im Laufe der Zeit weiterentwickeln würden.

    Das war für mich der eigentliche Aha-Moment.

    „Sei frei, Bruder, denk wie ein Diamant!“ (siehe Song: „Deutsch-Meisterklasse“) – Die Songs hatten es ja schon eindrücklich vorgeführt: Plötzlich konnte ich Dinge erschaffen, für die mir vorher nicht einfach nur die Zeit (die fehlt immer noch), sondern vor allem auch das Talent, das Wissen, die Möglichkeiten, die technischen Fähigkeiten und allein deshalb schon die Vorstellungskraft gefehlt hatten: ein cooler Rap-Song als routinemäßiger Stundeneinstieg oder auch mal schnell eine stimmungsvolle Ballade zu einem konkreten Thema im Unterricht. Eine bei Teenagern aktuell angesagte Computerspielwelt als motivierende Rahmenhandlung für Deutsch-Grammatik. Humorvolle, zugewandte und pädagogisch wertige „Sonderaufgaben“ für Schülerinnen und Schüler in allen Lebenslagen. Ein echter akademischer Fachartikel für Achtklässler didaktisch aufbereitet und zugänglich gemacht. Die schnell erstellte Website für das neue Referatsthema der Geo-Klasse. Ein Mandala als Malvorlage rund um einem wichtigen Begriff. Ein Podcast, der einen unschönen Moment aus der letzten Stunde oder eine Situation auf dem Pausenhof noch einmal aus neutraleren Perspektiven beleuchtet. Schließlich eigene Apps und KI-Tools für den Unterricht … sogar ein eigenes Internetportal für Lehrkräfte 😊 … und selbst ohne ernsthafte Programmierkenntnisse inzwischen vielleicht das Wichtigste: Code als neues Universalwerkzeug am Schreibtisch und vielleicht auch bald direkt im Unterricht, um damit nahezu beliebige Ideen umzusetzen.

    KI spart in diesem Verständnis weder Arbeit, noch ersetzt sie die Lehrerpersönlichkeit. Sie verstärkt sie! Sie macht Ideen greifbar, die vorher im Ansatz stecken blieben. Sie schafft neue Möglichkeiten und Wege, sich als Lehrkraft auszudrücken. Sie macht es möglich, mehr zu wollen und sie hilft dabei, sich das dafür notwendige Wissen anzueignen. Sie erlaubt Umwege, Experimente und kleine Verrücktheiten, die im normalen Schulbetrieb oft untergehen, früher nicht umsetzbar oder bis vor Kurzem überhaupt gar nicht vorstellbar waren. Kurzum: KI kann Unterricht viel persönlicher und viel kreativer machen – und zwar, weil und insofern KI für jeden Einzelnen von uns das Verhältnis zwischen Wissen, Wollen und praktischem Können verändert und gar neu definiert.

    Ich halte diese Erkenntnis, zumal für den Schul- und Bildungsbereich und mit Blick auf die Kompetenzen, die es letzlich auch unseren Schülern zu vermitteln gilt, für ausgesprochen wesentlich – auch wenn durchaus Vorsicht angebracht ist, um hier nicht unreflektiert einigen typischen Silicon-Valley-Narrativen das Wort zu reden oder fahrlässig über Gefahren hinwegzutäuschen.

    Denn natürlich gilt das alles nicht automatisch. KI kann bekanntlich auch schlechte Aufgaben und schlechte Ideen schneller und umfangreicher erzeugen. Sie kann belanglose Texte produzieren, falsche Informationen liefern, Deep-Fakes verbreiten, didaktischen Unsinn hübsch verpacken, Urheberrechte verletzen und mit großer Selbstsicherheit an den Bedürfnissen einer Klasse oder des Lehrers/der Lehrerin vorbeidenken. KI kann Schülern die für das Lernen erforderliche Übung abnehmen. Sie kann Lehrkräfte mit neuen Tools und hippen Paradigmen überfluten. Und natürlich kann KI uns mit ihren Fähigkeiten, Potentialen und Unwägbarkeiten auch leicht überwältigen. Wo das geschieht, wo das schnelle Resultat uns voreilig zufriedenstellt und sofern deshalb das Weiterdenken ausbleibt, kann sie natürlich auch Kreativität im Keim ersticken – zumal die Rolle, die KI schon heute in weiten Teilen von Wirtschaft, Forschung und Gesellschaft spielt, eben noch lange nicht für das Lernen an sich, und erst recht nicht für Kinder und Jugendliche, definiert, geschweige denn nahtlos kompatibel mit den geltenden Lehrplänen, Prüfungsformaten, Datenschutzbestimmungen oder auch nur mit unseren bisherigen Vorstellungen von „Bildung“ ist.

    Aber genau deshalb kommt es jetzt von Anfang an auf jede einzelne Lehrkraft an: Auf Persönlichkeit und Handlungsvermögen, auf Urteils- und Vorstellungskraft. Auf Fachlichkeit. Auf Weltverständnis, Intuition, Verantwortung, Neugier und pädagogisches Gespür. Auf den Mut und die Kraft, neue Dinge ernsthaft auszuprobieren und zu lernen, aber auch auf die Fähigkeit, sie wieder zu verwerfen. Die Maschine liefert hierzu beeindruckende Möglichkeiten. Professionalität und Bedeutung entstehen jedoch erst durch den Menschen, der sie auswählt, prüft, formt und in einen echten Unterrichtszusammenhang bringt. Übrigens: technisches Wissen, egal welcher Art, gehört dabei nicht, oder immer weniger, zu den Voraussetzungen – nicht, weil man es nicht bräuchte, sondern weil KI es einem besonders gut erklären und besonders gut dabei unterstützen kann.

    KI hilft uns also und sie fordert uns zugleich heraus, die eigenen Grenzen laufend zu verschieben, um uns selbst und unseren Schülerinnen und Schülern das Wissen und die Fähigkeiten für das Hier und Heute zu vermitteln.

    Ganz sicher scheint mir daher allerdings auch, dass KI uns Lehrkräfte nicht ernsthaft entlasten (geschweige denn ersetzen!) kann – und zwar nicht nur, weil ich die Stunden, Tage und Wochen, die ich mittlerweile mit dem Erstellen, Überarbeiten und Verbessern von Arbeitsblättern, Songs, Tools und vielen anderen KI-Artefakten verbracht habe, nicht mehr zählen kann, sondern schlicht, weil es ebenso sicher sein dürfte, dass auch im Zeitalter der sprechenden Maschinen auf jede mögliche Entlastung im Schulbetrieb viel neue pädagogische Aufgaben und noch mehr Erwartungen folgen werden.

    Stattdessen kann KI aber unser kreatives Potenzial erweitern. Und das finde ich unter dem Strich viel wichtiger!